Entrevistas
26 de marzo de 2017
Die Presse
Judith Hecht
Gottfried Helnwein: "Freiheit muss man an sich reißen"
"Ich bin geradezu besessen von der Idee der Freiheit", sagt Gottfried Helnwein. In Los Angeles fühlt er sich frei, weil es in der Stadt eine Toleranz gebe, "die nicht auf hohen ethischen Prinzipien basiert". Angst vor Donald Trump hat er nicht und kann sie auch nicht nachvollziehen. Vielmehr hält er die Reaktionen auf den neuen US-Präsidenten für Massenhysterie.




Wieso haben Sie für unser Treffen das Café Bräunerhof vorgeschlagen?

Gottfried Helnwein: Das ist mein Lieblingscafé, weil es unverändert ist. Es gibt noch immer die selben durchgesessenen Bänke, da stimmt alles. Diese alte Ästhetik verschwindet ja immer mehr, alles wird zu Tode renoviert und durch irgendetwas grausliches Neues ersetzt. Aber hier ist alles authentisch, das Kaffeehaus ist noch immer so, wie ich es aus meiner Jugend her kenne.


Eines der wenigen in Wien, die sich nicht verändert haben.

Ja, wenn ich durch die Stadt fahre, merke ich, wie das Wien, das ich kenne, verschwindet. Mir fällt auf, wie systematisch Architektur zerstört wird. Es gibt nur mehr ganz wenige Häuser, die aus dem alten Wien sind. Die meisten Gebäude wurden ersetzt, entkernt oder haben irgendwelche grauenhaften Dachaufbauten.  Häuser, die zitronengelb, orange, erbsengrün sind. Die Leute machen, was sie wollen, ohne irgendein ästhetisches Prinzip. Hauptsache es ist asymmetrisch, verzerrt und sieht irgendwie ‘modern’ aus.
Das Problem mit zeitgenössischer Architektur ist, dass sie keine kulturelle Identität hat. Jedes, dieser Häuser könnte genauso in Bukarest, Düsseldorf oder Dublin stehen. Ausserdem altern diese Gebäude schlecht. Nach 20 Jahren sehen sie so heruntergekommen aus, dass man sie eigentlich wieder abreissen müsste.
Historische Bauten hingegen werden mit dem Alter immer besser.


Woran liegt das?

Ich glaube, zu Beginn des 20. Jahrhunderts – und besonders durch die beiden Weltkriege ist unser gesamtes Wertesystem zusammengebrochen und damit auch unsere ästhetischen Fundamente. Es ist so als hätte man uns den Boden unter den Füssen weggezogen.
In der Postmoderne haben wir jegliche Orientierung verloren. Viele Architekten sehen sich als die wahren Genies, die es der Welt nun zeigen wollen.
Bauten werden wie Kunstobjekte behandelt, die durch willkürliche, sinnlose  Verzerrung und Dissonanz,  provozieren oder beeindrucken sollen, aber nicht mehr als etwas, das einer bestimmten Funktion und den Menschen dienen soll.
Adolf Loos sagte: «Das Haus hat allen zu gefallen. Zum Unterschiede zum Kunstwerk, das niemandem zu gefallen hat. Das Kunstwerk ist eine Privatangelegenheit des Künstlers. Das Haus ist es nicht.»


Ist das ein österreichisches Spezifikum?

Nein, das ist weltweit so. In Italien ebenso wie in Irland oder Los Angeles, es ist ein weltweites Phänomen. Die über Jahrtausende gewachsene kulturelle Substanz schmilzt weg, wie die Gletscher.
Beschleunigt durch die Dynamik des Kapitalismus.


Inwiefern?

Es geht ums Geschäft. Die Verfallszeiten müssen verkürzt werden, damit immer mehr und immer schneller produziert, gebaut und gekauft werden muss.
 Es ist das Prinzip dessen, was Pasolini schon in den 60er Jahren als Konsumterror, als den Neuen Faschismus bezeichnet hat.


Das Hauptsujet Ihrer Arbeit ist das Kind. Wie haben Ihre vier Kinder auf Ihre Bilder reagiert?

Das war kein besonders Thema, weil meine Kinder ja praktisch im Atelier aufgewachsen sind, und die Bilder mit den verzerrten und bandagierten Gesichtern für sie immer selbstverständlich waren.  Sie dachten wahrscheinlich , so ist die Welt. Fast alle meine Kinder sind mir Modell gestanden, das war Teil ihres Lebens.
 

Wie haben Ihre Kinder Ihr Leben verändert?

Der Moment, in dem mein erstes Kind zur Welt kam, war eine große Erleichterung. Erst dann war das Leben so, wie es sein soll. Ich wollte immer Kinder, je mehr desto besser. Mein Ideal ist die italienische Großfamilie, wo alle immer beisammen sind und es immer laut ist.


Und auch viel gestritten wird. Wie haben Sie Konflikte mit Ihren Kindern ausgehalten?

Ich habe mit unseren Kindern niemals Streit, Konflikte, oder Stress  gehabt.

 
Wie gelingt das?

Es gibt nichts einfacheres als die sogenannte Erziehung von Kindern.
Das einzige was Kinder brauchen sind Freiheit und Respekt. Alles andere bringen sie selbst mit: Spontanität, Intuition, Kreativität, Imagination und Vision. Sie haben noch diese letzte Verbindung zu einer magischen Welt, die für uns Erwachsene in der Regel für immer verloren ist.
Man sollte Kinder nicht in Ihren Träumen stören und sie mit unseren Besserwisserei belästigen und wir sollten sie ihre eigenen Entscheidungen treffen lassen, denn sie sind ohnehin näher an der Wahrheit als wir.
Mir ging es wie Captain Beafheart der sagte: “Ich bin als Kind leider nicht genug vernachlässigt worden”
Ich habe meinen Kindern auch freigestellt, ob sie zur Schule gehen wollten oder nicht.


Und sind sie in die Schule gegangen?

Eigenartiger Weise sind meine Kinder gerne zur Schule gegangen.
 

Und heute dürfen Ihre Enkelkinder alles tun, was sie wollen?

Ja, bei mir dürfen sie alles. Ich bin ihr Komplize.
Für mich sind Kinder ein grosses Wunder, sie tragen mit ihrer Reinheit und Entrücktheit die Möglichkeit zu einem besseren Menschsein in sich. Es ist nur wichtig, Sie vor den Erziehungs- und Indoktrinierungsmethoden der korrupten Erwachsenenwelt zu schützen.


Freiheit ist der höchste Wert?

Ich bin geradezu besessen von der Idee der Freiheit. Aber Freiheit  wird einem nicht verliehen oder gestattet, sondern man muss sie sich nehmen. Man muss sie an sich reissen.
Und ohne sie ist Kunst nicht möglich.


Sie leben auch in Los Angeles. Fühlen Sie sich dort frei?

Es ist die beeindruckendste und eigenartigste Stadt der Welt, in der 140 verschiedene ethnische Gruppen leben und in der jede Form von Religion existiert, die der Mensch je erfunden hat, von der Church of Satan bis zu den Chassidischen Juden, die am Shabbat wie ihre gallizischen Vorfahren mit riesigen Pelz-Rädern und Kaftanen angetan mit ihren Kindern unter Californischen Palmen spazieren gehen. Es gibt die Viertel in denen nur Millionare wohnen, und ganze Strassenzüge in Downtown, in denen tausende Obdachlose herumliegen oder wild gestikulierend, durch die Strassen irrlichtern. Diese Stadt ist wie eine offene Wunde, die niemand zu verbinden versucht. Sie ist der äusserste Vorposten einer untergehenden Zivilisation, und wenn Sie die unkaschierte Version der westlichen Welt "Now" sehen wollen, dies ist der Ort. Manchmal komme ich mir vor wie in ",Blade Runner", wo der Zusammenbruch aller Werte eine neue comic-haft, apokalyptisch-surreale Ästhetik gebiert.
Die Stadt ist nicht kontrollierbar und sie befindet sich in einem eigenartigen Zustand friedlicher Anarchie.
Es gibt hier eine grosse Toleranz für jede Art von Lebensform, die nicht auf hohen ethischen Prinzipien basiert, sondern auf dem Umstand: That nobody gives a shit.


Ist das schön?

Leute mit hohe moralischen Prinzipien können sehr leicht gefährlich werden. Wie Robespierres, den man den ‘Unbestechlichen’ nannten, oder die Inquisitoren.


Verändert sich nicht auch diese Stadt?

Diese Stadt  ist nicht kontrollierbar. Sie ist ohnehin pleite und ich glaube, dass die Politiker die Vorstellung, irgendetwas beeinflussen oder regulieren zu können, schon lange aufgegeben haben.
Der Nachteil ist, dass es kein soziales Netz gibt.


Wo ließen Sie sich behandeln, wenn Sie krank würden?

Dann würde ich nach Österreich kommen. Wenn Sie in den USA schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert werden, bekommen Sie keine Arzt zu sehen, bevor ihre Kreditkarte nicht gecheckt worden und klar ist, ob Sie eine Krankenversicherung haben.
Mir ist erst aus der Distanz bewusst geworden, was für eine Errungenschaft das soziale System in Europa ist. Man merkt das wahrscheinlich erst, wenn es nicht mehr selbstverständlich ist.
Der American Way of Life basiert auf einem einzigen Prinzip: dem Streben nach Profit.
Alles ist diesem Grundwert unterworfen, Medizin, Politik, Erziehung und Religion. Es gibt nichts anderes.



Macht Ihnen Donald Trump Angst?


Ich kann die Massenhysterie um diesen Mann nicht nachvollziehen.
Wo waren Sie denn alle, als Friedenspreisträger Obama mit seinen Drohnen tausende Menschen, darunter viele Kinder töten liess, als George W. Bush den Irak in die Steinzeit zurückgebombt hat, in Abu Grab foltern liess und Afghanistan verwüstet hat?
Amerika ist seit dem Ende des zweiten Weltkriegs praktisch ständig im Kriegszustand und in diesen Kriegen sind mehr als 30 Millionen Menschen getötet worden.
Das scheint niemanden wirklich beunruhigt zu haben, aber jetzt haben plötzlich alle Angst vor Donald Trump?








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