Helnwein ( presse )
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Gottfried Helnwein :
PRO MEMORIA II
Atelier Helnwein

Schloss Burg Brohl

PROJEKT ANTONIN ARTAUD - FREMD IM EIGENEN KÖRPER II
Heiner Müller, Hans Kresnik und Gottfried Helnwein arbeiten an einem Theaterstück über Antonin Artaud
Am 31.5 und 1. 6. 1989 trafen sich Heiner Müller, Hans Kresnik, Gottfried Helnwein und Ismael Ivo in Helnweins Atelier auf Schloss Burgbrohl um die Arbeit an dem Theaterstück über Antonin Artaud fortzusetzen. Das Stück ist nie realisiert worden, die Arbeitsnotizen sind in Teilen erhalten.
Für die Struktur des Stückes sollten drei bis fünf Motive über Artaud als Variationen erscheinen wie bei einer Komposition. Heiner Müller sagt, er könne am besten nach Bildern schreiben. Er schlägt vor: Helnwein solle alle erdenklichen Variationen zu dem Thema zeichnen und malen, die als Inspiratione dienen sollen, und auf deren Grundlage Kresnik die Choreographie erarbeiten soll.

Pro Memoria 31. 5. und 1. 6. 1989

(Auszug)

Bühne: wenig Farbe, schwarz und weiss dominierend, ein wenig rot.

möglicher Gegenpart zu Ismael: brasilianische Schauspielerin Denise Stöcklers

Musiker: John Zorn kommt als Komponist in Frage.

Von Interesse:
ZONE PUBLIKATIONEN "Fragmentary History of the Human Body". Götterbilder/Gottesbild/Opferungen.
z.B. ein Charmewettbewerb" von männlichen Angehörigen eines afrikanischen Stammes, die als Frauen maskiert, einen Verführungstanz vorführen. Männer , die sich wie Frauen bewegen, mit der gleichen Mimik und Gestik.

Das Thema Pest:
ein Vehikel, um den Körper in Flammen zu setzen; die Reinigung, Läuterung, Befreiung vom Körper, seine Zerstörung.

Das Thema Mexico:
die aztekischen Nachrichten lesen sich wie Kriegsberichterstattungen über Eroberung von Orten und Städten.
Bild: spanischer Reiter/ (ausgestopfte) Pferde ziehen durch den Dschungel in einer Rüstung. Ihr Körper steckt in einer Eisenhaut. Die tuchbedeckte Masse: die der Natur entfremdeten Europäer. Die Pferde haben die Eroberung Mexikos mitbestimmt. Sie waren schneller. Ihr Einsatz symbolisiert das lineare Vorgehen der Weissen im Gegensatz zu der zyklischen Weltanschauung der indianischen Hochkulturen.

Die Elektroschocks
dienen als Metapher für den Kolonialisierungsprozess. Sie sind brutal und unsensibel. Die dahinter steckende ideologie des "Heilkrampfes" kann mit der Christianisierung verglichen werden. Destruktiv, den Körper verbrennend.

Buch von Bataille: "Tränen des Eros"
mit Fotos von einer Hinrichtung in China. Dem Attentäter auf den letzten Mandschu werden zur Strafe die Glieder langsam abgeschnitten. der Hingerichtete, wahrscheinlich unter Drogen, hat einen ekstatischen Gesichtsausdruck

Der Bezug zum Körper
ist äusserst wichtig; es sollte kein Apartheid Stück mit dem blossebn Rassenkonflikt schwarz/weiss werden. Die Idee geht über die Grenzen der Identität hinaus, lässt die Persönlichkeit weit hinter sich.
Der Körper ist letztlich ein Gefängnis, denn er ist begrenzt.



Artaud fordert Ismael auf:
"Gib mir deine schwarze Haut."

Ismael:
"OK, falls du mir garantierst, dass ich sie jederzeit wiederkriege."

Artaud:
"Gut lass es uns versuchen."

oder:

Weisser Mann:
"Lass unsere Haut tauschen."

Ismael:
"Fuck you!"

Weisser Mann:
"Ich will aus meiner Haut raus!"

Der Austausch findet statt. doch bald bekämpfen sich die beiden und können sich ihrer Haut nicht mehr entledigen. Sie beginnen sich und den anderen zu hassen.

Ein weiterer Schritt: der Austausch der Geschlechter
Ein weisser Mann (z.B. Denise Stökles) - eine schwarze Frau (Ismael)

Oder:

Sie - Artaud / er - schwarzer Mann
Hier könnten Texte von Rimbaud und Sarrera verwendet werden.

Farbe - Geschlecht - Religion: die Taboos
Es stellt sich heraus, dass der Austausch von Farbe/Geschlecht die Erlösung nicht bringt. Zu glauben, damit würde sich etwas ändern, ist eine Illusion. Viel Zeit ist vonnöten, da Kultur und Geschichte ins Spiel kommen.

Artaud erlebt seine Körperteile als Feinde.
Ein Bezug ist also gegeben. Man könnte sich z.B. auch vorstellen, dass Teile seines Körpers Rassen darstellen. Eine Hüfte, die sich plötzlich verselbstständigt und anfängt, sich wie die eines Schwarzen zu bewegen.

BILD HELNWEIN:
ein riesiger Körper, der aus vielen Leuten besteht. Sie stellen die rebellierenden Körperteile dar.

Nach der Kolonialzeit wurde braun zur Modefarbe (sich bräunen), früher in den Kolonien wurde weisse Hautfarbe geschützt.

Gottfried Helnwein : Helnwein, Heiner Mueller, Hans Kresnik and Ismael Ivo
Helnwein, Heiner Mueller, Hans Kresnik and Ismael Ivo 1989
discussing a play about Antonin Artaud
Schloss Burg Brohl, Germany

Gottfried Helnwein : Antonin Artaud
Antonin Artaud 1990
167 cm x 131 cm
mixed media (oil and acrylic on canvas)
Pfalzgalerie Museum, Kaiserslautern




PROJEKT ANTONIN ARTAUD - FREMD IM EIGENEN KÖRPER: AUSWANDERUNGEN
PRO MEMORIA
Wohnung Heiner Müller, Ost-Berlin, 23. April 1989
Heiner Müller, Hans Kresnik und Gottfried Helnwein arbeiten an einem Theaterstück über Antonin Artaud
Da es schwierig und gefährlich ist, Antonin Artaud darzustellen, wird vorgeschlagen, von einer dreidimensionalen, plastischen Vorlage auszugehen. Gottfried Helnwein entwirft Skizzen ohne thematische Einschränkung, radikal seiner subjektiven Vision folgend. Diese Entwürfe dienen Heiner Müller zur Reflektion und Bildbeschreibung.



Weitere Information zu Gottfried Helnwein, Heiner Müller, Hans Kresnik:

Studio Burg Brohl, 1989
HEINER MÜLLER, HANS KRESNIK AND GOTTFRIED HELNWEIN WORKING ON A PLAY ABOUT ANTONIN ARTAUD 1989


Gottfried Helnwein und Hans Kresnik
Dokumentation der Zusammenarbeit zwischen Gottfried Helnwein und Hans Kresnik
Documentation of the collaboration between Gottfried Helnwein and Hans Kresnik

Heiner Müller on Gottfried Helnwein, 1988
BLACK MIRROR,
English translation
A story by Stephen King. An American schoolboy, twelve or thirteen years old, fascinated in his small-town boredom by documents on the German concentration camps - the way his classmates are by Superman - the formula of his fascination: THEY JUST DID THOSE THINGS...
How does a friendly person like Helnwein stand making his - excellent - painting into a mirror of the terrors of this century? Or is it that he can't stand not doing it? Does his mirror just reflect the attitude of the century? TERROR WITHOUT END IS BETTER THAN AN ENDING IN TERROR. It comes from the over-evaluation of death, a consequence of "statistics" making it taboo. Perseus guillotines the Gorgon in the mirror -, and when the head falls, it is his own.
How many heads does a person/man have in our age of mirrors?

Heiner Müller zu Gottfried Helnwein, 1988
BLACK MIRROR
Wie hält ein freundlicher Mensch wie Helnwein es aus, seine exzellente - Malerei zum Spiegel der Schrecken des Jahrhunderts zu machen?
Oder hält er es einfach nicht aus, das nicht zu tun? Reflektiert sein Spiegel nur die Jahrhunderthaltung, LIEBER EIN SCHRECKEN OHNE ENDE ALS EIN ENDE MIT SCHRECKEN, die aus der Überbewertung des Todes kommt, Folge seiner Tabuierung durch Statistik. Perseus, der die Gorgo im Spiegel guillotiniert, und wenn der Kopf fällt, ist es der eigene.
Wie viel Köpfe hat ein Mensch / Mann in unserem Zeitalter der Spiegel?

ICH BIN NICHT HAMLET
01. September 1997
Axel Sanjosé
Applaus
Kultur-Magazin
(Cover-story)
"Hamletmaschine" in der Muffathalle. Bühnenbild: Helnwein
Helnwein gestaltet das Bühnenbild zu Heiner Müllers "Hamletmaschine" in der Regie von Gert Hof
Die Schonungslosigkeit, mit der Helnwein den Täter-Opfer-Mechanismus thematisiert - sei es im Einfangen einer Athmosphäre der erbarmungslosen Kälte, - ruft Befremden und Abwehrreaktionen hervor, die sich des öfteren als Skandale niedergeschlagen haben...
Dagegen leuchtet die Affinität zwischen Helnwein und Heiner Müllers Hamletmaschine unmittelbar ein, nicht nur weil am Ende, wie es die Regieanweisung verlangt, Ophelia in Mullbinden eingeschnürt wird. Die gewalttätige Sprache des Ende 1995 verstorbenen Dramatikers und Regisseurs bohrt sich, statt wie bei Helnwein mit chirurgischrn Instrumenten, mit Worten ins Fleisch. Auch hier geht es um Opfer, allerdings um Opfer, die sich wehren und in der Wahl ihrer Mittel die Brutalität ihrer Umwelt widerspiegeln.

A painting for Heiner Müller
untitled 1989
watercolor on cardboard
Poster for the play "Germania - Tod in Berlin", by Heiner Mueller
Nationaltheater Mannheim
Director: Hans Kresnik



31. mayo 1989 PRO MEMORIA II Atelier Helnwein



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