Textos de Helnwein
15 de marzo de 2017
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Gottfried Helnwein spricht über Egon Schiele
Anlässlich der Eröffnung der Egon Schiele Ausstellung in der Albertina, 2017
Seine Zeichnungen schockierten die Gesellschaft, sie wurden als obszön bezeichnet. Seine Arbeiten wurden beschlagnahmt und ein Blatt wurde vernichtet. Schiele wanderte für 3 Wochen ins Gefängnis. Seitdem hält sich in der kunstgeschichtlichen Rezeption der Mythos von Schieles sexueller Obsession. In Wahrheit sind Schieles Arbeiten von einer Rohheit und Reinheit, und einer gnadenlosen Direktheit, die geradezu weh tut, und die das Spiessertum gerade deshalb empörten, weil hier Nacktheit eben nicht anzüglich war und nicht aufgegeilt hat, so wie in der äusserst populären Salonmalerei, die im Gegensatz zu Schieles Werk tatsächlich obszön und pornografisch war. Für Schiele ist der menschliche Körper ästhetisches Material, wie seine Blumen oder Landschaften, die er alle mit der gleichen Empathie und Leidenschaft behandelt.



Als mich Klaus Schröder gefragt hat, ob ich bereit wäre, zur Eröffnung dieser Ausstellung ein paar Worte über Egon Schiele zu sagen, hat mich das überrascht, denn ist ein ungewöhnliches Anliegen, einen Künstler über einen anderen Künstler reden zu lassen, auch wenn dieser schon lange tot ist.

In der Regel lädt man Schriftsteller als Gastredner zur Eröffnung von Ausstellungen ein, oder Philosophen, Politiker oder Kunsthistoriker.
Aber ein bildender Künstler ist so ziemlich der letzte den man in dieser Rolle erwartet.
Zum einen haben die meisten bildenden Künstler Probleme sich verbal zu artikulieren oder kein Interesse daran, zum anderen haben sie eine eigenartige, tiefsitzende Scheu sich öffentlich zum Werk eines anderen Künstlers zu äussern.
(Soweit ich mich an meine Zeit hier in Wien erinnere, war diese Scheu jedoch wie weggeblasen, sobald Künstler unter sich im Kaffeehaus sassen, um nach Herzenslust über andere Künstler zu lästern).

Schon Goethe scheint nicht sehr viel von den rhetorischen Fähigkeiten bildender Künstler gehalten zu haben, denn von ihm stammt der Ausspruch: ”Maler, halt’s Maul und male!”
Trotz dieser durchaus vernünftigen Aufforderung, habe ich mich dennoch entschlossen Ihnen hier einige meiner Gedanken und Überlegungen zu Egon Schiele mitzuteilen. Subjektiv und assoziativ, aus der Perspektive eines Künstlers der im 21. Jahrhundert lebt.

Ich werde immer wieder gefragt, glauben Sie wirklich, dass Sie mit Ihrer Kunst etwas verändern können? Dass Kunst überhaupt irgend etwas verändern kann?

Wir leben heute in einem materialistischen Zeitalter, nach dem totalen und endgültigen Sieg des Kapitalismus über alle idealistischen Versuche, in einer Zeit der Globalisierung, der totalen Überwachung und medialen Massensuggestion, und dem, was  Pasolini schon in den 60er Jahren als den künftigen Konsumterror, als den neuen Faschismus bezeichnet hat.
In unserer Schönen Neuen Welt herrscht heute vielfach die Ansicht, Kunst habe in unserer Gesellschaft keine wesentliche Bedeutung mehr,  sie sei höchstens Statussymbol, exzentrisches Spielzeug oder Investment für eine reiche Elite.

Dabei ist die Kunst wahrscheinlich die grösste und elementarste Kraft der menschlichen Existenz. Man unterschätzt sie oft, weil ihre Wirkungsweise nicht immer direkt und offensichtlich ist und weil man in der Regel zeitliche Distanz braucht, um ihre Wirkung zu erkennen. Aber Kunst hat die Macht, alles zu durchdringen und zu verändern.

Ohne Kunst ist eine menschliche Existenz in Würde nicht vorstellbar.

Stellen Sie sich doch bitte einmal die  Geschichte der Menschheit vor, so wie wir sie kennen, und entfernen Sie daraus alles was mit Kunst zu tun hat: Literatur, Malerei, Skulptur, Musik, Architektur,  Design, Mode, Tanz, Choreographie, Theater und Film. Was bliebe über?
Es gäbe gar kein Geschichtsbewusstsein, da wir die verschiedenen historischen Epochen, bestimmte Ereignisse und die Regionen in denen sie stattanden immer mit spezifische Formen von Kultur und Ästhetik verbinden und sie für uns erst dadurch unterscheidbar und erinnerbar werden.
Auch Religion oder Spiritualität wäre ohne Kunst oder irgend eine Form von Ästhetik für Menschen wahrscheinlich zu abstrakt um erfahrbar zu sein.
Die Existenz des Menschen wäre reduziert auf essen, verdauen, scheissen, töten, ficken  und sterben. Aber nicht einmal ordentliche Kriege wären möglich, weil es ja keine bedeutenden Bauwerke zu zerstören und keine Kunstschätze zu plündern gäbe.

In den alten Kulturen waren Künstler in der Regel anonym. Wie im europäischen Mittelalter wurde auch im Alten Ägypten nicht zwischen Handwerk und Kunst unterschieden. Künstler und Handwerker standen auf derselben gesellschaftlichen Stufe und arbeiteten als Spezialisten  arbeitsteilig für das grosse Ganze. Herrscher, Religion und Untertanen bildeten eine Einheit.

Erst in der Renaissance findet der grosse Paradigmenwechsel statt:  Zum erstmal wird der Mensch als Individuum in das Zentrum gesetzt und zum Maßstab für ein neues Ordnungssystem gemacht.

Der Künstler begreift sich von nun an als Schöpfer, als Herr der Künste.

Trotz dieser relativen kreativen Freiheit blieb er aber fest eingebunden in ein feudalistisches System und seine Existenz konnte er nur rechtfertigen, wenn er den weltlichen und kirchlichen Herrschern als Portraitist, Entertainer, Chronist oder Propagandist nützlich war.
Der grösste Teil und die wichtigsten Werke der Abendländischen Kunst waren Auftragswerke.
Das Verhältnis zwischen Michelangelo und Papst Julius II ist hier exemplarisch für das oft schwierige aber letzten Endes meist fruchtbare Ringen des Künstlers mit dem Auftraggeber.

Der Machtmensch Julius II zwang Michelangelo gegen seinen Willen ein gigantisches Fresko für die Decke  der Sixtinischen Kapelle zu malen. Selbst für den selbstherrlichen, grantigen und widerspenstigen Michelangelo war es letzten Endes nicht möglich, sich dem Befehl des Papstes zu widersetzen, der ihm angeblich sogar mit dem Gefängnis drohte. Aber Julius war Realist genug um zu wissen, dass er damit an die Grenzen seiner Macht angelangt war und er dem Giganten Michelangelo nun freie Hand lassen musste. Michelangelo rächte sich indem er die ganze traditionelle Christliche Ikonographie und die sexuellen Tabus der Kirche über den Haufen warf und  das gewaltige Tonnengewölbe mit nackten muskulösen Männerkörpern übersäte, die eher an  Götter aus der griechischen Mythology als an christliche Heilige erinnern.

Die Vorstellung des Künstlers als Genie bleibt in der Abendländischen Kunst bestehen, - die Abhängigkeit vom Auftraggeber und den Idealen der Gesellschaft ebenfalls.

Im 19 Jahrhundert verlieren Kirche und die Aristokratie schnell an Einfluss und die traditionelle Rolle des Mäzenatentums und Auftraggebers wird von dem neuen, selbstbewussten Grossbürgertum, von Bankern und Industriellen übernommen.

Aber immer noch liegt das Erbe der Jahrtausende alten kirchlichen Sexualfeindlichkeit wie ein Alpdruck auf dem 19 Jahrhundert.
Nacktheit, Erotik, und Sexualität waren unterdrückt und tabu. Dennoch gab es selbst für angesehene Damen der höchsten Gesellschaft  eine legitime und akzeptierte Möglichkeit sich auszuziehen und in in aufreizenden Posen und in ekstatischer Verzückung in Softpornos mitzuspielen, solange sie als griechische Göttinen, Nymphen, biblische Sünderinnen oder Allegorien in den Bildern bekannter Malerfürsten auftraten. Eine Bürde, die Künstler wie Makart und Klimt gerne auf sich nahmen.
Gustav Klimt malte Bankiers- und Fabrikantengattinnen in raffinierter Garderobe, umgeben und überzogen mit Ornamenten  als „Salome“, „Minerva“  und „Danae“  und sah sie in erotischen Szenerien der Hingabe wie im weltberühmten „Kuss“.

Und dann kam Egon Schiele.
Und er bricht mit dieser Tradition radikal.

Er lehnt die dem Künstler traditionell zugewiesene Rolle ab.  
Er spielt das Spiel nicht mehr mit.
Er definiert die Rolle des Künstlers neu.
 
Er ist der  Archetyp des Modernen Künstlers, und er setzt den Standard für alle nachfolgenden Künstler des 20ten und 21 Jahrhunderts.
Er ist der erste in einer neuen Tradition zeitgenössischer Künstler, in deren Selbstverständnis der Künstler vor allem eines ist: autark. Einzelkämpfer, Provokateur, Unruhestifter, Rebell.

Er wirft der Welt seine eigene nackte Existenz hin und konfrontiert die Gesellschaft mit seiner eigen rohen Sicht der Dinge.

Er hat kein Interesse an den Damen der hohen Gesellschaft, er holt sich lieber halbwüchsige, schmutzige Proletarier Mädchen von der Strasse und legt sie mit ihren dürren langen Beinen in ihrer linkischer Haltung auf den Atelierboden. Unterernährte Geschöpfe, die sich apathisch den Rock hochschieben und die Hose herunterziehen lassen.

Seine Zeichnungen schockierten die Gesellschaft, sie wurden als obszön bezeichnet. Seine Arbeiten wurden beschlagnahmt und ein Blatt wurde vernichtet. Schiele wanderte für 3 Wochen ins Gefängnis. Seitdem hält sich  in der kunstgeschichtlichen Rezeption der Mythos von Schieles sexueller Obsession.

In Wahrheit sind  Schieles Arbeiten von einer Rohheit und Reinheit, und einer gnadenlosen Direktheit, die geradezu weh tut,  und  die das Spiessertum gerade deshalb empörten, weil hier Nacktheit eben nicht anzüglich war und nicht aufgegeilt hat,  so wie in der äusserst populären Salonmalerei, die im Gegensatz zu Schieles Werk tatsächlich obszön und pornografisch war.

Für Schiele ist der menschliche Körper ästhetisches Material, wie seine Blumen oder Landschaften, die er alle mit der gleichen Empathie und Leidenschaft behandelt.
 
Kunsthistoriker haben Schieles Kunst als theatralisch bezeichnet. Das mag sein, aber es ist sein Theater, seine Inszenierung.
Alles hat  sich seinem Gestaltungswillen vollkommen zu unterwerfen. Keine einzige seiner unzähligen Aktdarstellungen haben eine natürliche oder idealisierte Haltung. Alle  Teile des Körpers müssen sich dem choreografischen Diktat des Künstlers fügen.

Er bezeichnet sich selbst, richtigerweise, als “Neukünstler”, als solcher sieht er sich nicht verpflichtet mit seiner Kunst die Bedürfnisse, Normen, Sehnsüchte und Eitelkeiten der gesellschaftlichen Elite oder irgendeiner Ideologie zu bedienen.
Er ist auch nicht mehr Teil irgendeiner kulturellen oder ästhetischen Tradition. Überkommene Werte sind für Ihn bedeutungslos. Er will und muss alles neu und selbst erfinden.

Und so schreibt Egon Schiele 1914 in seinem Manifest:
“…Der Neukünstler ist und muss unbedingt selbst sein. Er muss Schöpfer sein. Er muss unvermittelt ohne all das Vergangene und Hergebrachte zu benützen ganz allein den Grund bauen können. Dann ist er Neukünstler. Sei jeder einzelne von uns - selbst.
Alle Neukünstler aber schaffen eigentlich wieder nur ganz allein für sich selbst und bilden alles was sie wollen.
Sie bilden, sie porträtieren alles.  Die Mitmenschen fühlen ihre Erlebnisse nach, heute in Ausstellungen. Die Ausstellung ist unentbehrlich.”

Damit hat Schiele etwas ganz wesentliches erkannt: die neue Kunst ist nicht mehr nur für eine kleine Elite da. Sie findet nicht mehr in Palästen, Kirchen oder Salons statt, sondern in öffentlichen Ausstellungen, das heisst, Kunst ist von nun ab für alle Menschen da.

Schiele ist in seiner Arbeit eigensinnig, radikal und kompromisslos,  aber er hat auch erkannt was das Wesen und den Sinn jeder Kunst ausmacht:  
 “Dass die Erlebnisse des Künstlers von den Mitmenschen nachgefühlt werden”.


Gottfried Helnwein





Als Auftakt zum Gedenkjahr 2018 zeigt die Albertina bereits jetzt eine umfassende Ausstellung von Egon Schieles Werk. Sie positioniert sein radikales Œuvre in einer zwischen Moderne und Tradition gespaltenen Epoche. 160 seiner schönsten Gouachen und Zeichnungen führen in ein künstlerisches Werk ein, das sein großes Thema in der existenziellen Einsamkeit des Menschen findet und in drastischem Gegensatz zu den Wertvorstellungen der Gesellschaft des Fin de Siècle steht.




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